Die Demokraten hatten überall die vollsten Versammlungen. Warum? Ich glaube, weil sie den politisch regsamsten Teil der Bevölkerung repräsentieren. Die Versammlungen der Deutschen Volkspartei waren vielfach leer. Als wir in Eisenach den großen Fürstenhofsaal mit den Galerien am Abend vor der Wahl mit 2000 Leuten gefüllt hatten, sprach der zweite Kandidat der Deutschen Volkspartei in einem gleichfalls nicht kleinen Saal vor 35 Besuchern und beinahe ebenso vielen Schutzleuten. Darum zeigt die Wahl nachher natürlich noch nicht das gleiche Zahlenverhältnis. Bei den Rechtsparteien sind viel mehr Leute als bei uns, die haben gar nicht das Bedürfnis nach politischer Aufklärung, die wählen eben blind rechts, um das zu wissen, brauchen sie keine Versammlungen mehr. Zum Überfluß haben sie noch ihre Presse. Zu uns kommen die wirklich politischen Menschen, auch aus den anderen Lagern, und überdies sind unsere Leute mehr auf uns angewiesen, weil sie vielfach eben keine Presse haben.
Neben dem Kampf der Parteien wurde noch ein anderer Kampf ausgefochten: zwischen Politikern, Spießbürgern und Romantikern. Das Ringen der Demokratischen Partei um das Bürgertum ist zumeist der Kampf zwischen Politik und Spießbürgerei. Die eigentlich Aufgabe war, den Spießbürger überhaupt zu einer politischen Stellungnahme und Auffassung zu nötigen. Der Spießbürgerinstinkt als politischer Faktor geht auf Verteidigung der Klasse — wirtschaftlich, gesellschaftlich, kulturell; daher der Zauber des Bürgerblockgedankens. Für den Spießbürger, der überhaupt noch nicht politisch geworden ist, ist dies das Natürliche. Da fühlt er sich hingehörig, zu seinesgleichen und noch lieber zu denen, die noch ein wenig höher stehen als er — gesellschaftlich betrachtet. Da ist er noch lieber. Der Liberalismus verlangt von dem Bürger ein bißchen mehr: gelten lassen der anderen; die Demokratie verlangt noch viel mehr: bewußte Einordnung der eigenen Interessen in das Ganze, Relativieren der eigenen Interessen, Handeln aus den Zielsetzungen des Ganzen, zu dem die anderen auch gehören. Das ist dann um so schwerer, je weiter die Spanne zwischen diesen allgemeinen und den engeren eigenen Rücksichten zeitweise ist. In einem Staat, der um sein Dasein ringt, folglich Opfer von jedem verlangt, und in einer Zeit in der wirtschaftliche Schwierigkeiten so im Vordergrunde stehen, ist diese Spannung weit. Und darum ist es heute sehr schwer, eine andere als Klassenpolitik im Bürgertum durchzusetzen. Und doch ist es notwendiger als je, daß ein größerer Teil des Bürgertums sich zu staatsmännischer Führung erhebt, nicht nur zur Durchsetzung von Klasseninteressen mit allen Mitteln des politischen und wirtschaftlichen Machtkampfes.
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Die Gefahr, daß die gesamte deutsche Politik wieder durch den Klassenkampf gestempelt wird, ist riesengroß. Wer es nicht fühlt, hat kein Volksverständnis. Das Traurige, daß gerade die Bildungsschicht es nicht fühlt, im Gegenteil, mit Genugtuung, Pharisäertum und unerschütterter Selbstzufriedenheit in die Klassenherrschaft hineinsegelt. „Herr, ich danke dir, daß ich nicht bin wie andere Leute, Sozialdemokraten, Kommunisten, aber auch wie dieser Demokrat!“ Denn uns hassen sie natürlich am meisten, weil wir ihre Klasseninstinkte nicht für Patriotismus nehmen wollen, wofür sie sie gern verkaufen möchten und vielleicht sogar selbst halten. Da steckte der bitterste „Komplex“ dieses Wahlkampfes, wir waren die Abtrünnigen, die Unsolidarischen, die Verräter an den „bürgerlichen Idealen!“
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Auf der anderen Seite setzt schon jetzt ein Arbeiterelend ein, das notwendig zur Radikalisierung führen muß, wenn nicht alle Mächte dagegen aufgeboten werden. Im Kohlengebiet von Ostthüringen fahren jetzt die Bergarbeiter zwei Zwölfstundenschichten bei elenden Löhnen. Ein Drittel der Arbeiter wurde entlassen, als man von den drei Achtstundenschichten zu den zwei Zwölfstundenschichten überging, und nun traut sich niemand, einen Lohnkampf zu führen. Die Knappschaftskasse zahlt keine Familienhilfe, und die Tuberkulosefürsorgerin steht vollkommen ohnmächtig der Not und Krankheit gegenüber. Aber die Wahlaufrufe des deutschnationalen Unternehmertums prahlen: „Hier Christentum und gesunde Wirtschaft — dort (bei den Leuten, die Zwölfstundenschichten für 19 Mark Wochenlohn machen) Unglaube und wirtschaftliche Ruinen.“ Wenn eine Volkssolidarität jemals notwendig war, ist sie’s für den kommenden Daseinskampf, und wer nicht mit allen Kräften versucht, sie gerade den leidenden Volksschichten — das ist heute die Arbeiterschaft —, nahezubringen, ganz greifbar und verständlich, der begeht die nationale Sünde.
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Das volksverständliche Symbol für den Staat der Volksgemeinschaft ist aber heute das schwarzrotgoldene Banner. Es ist beinahe merkwürdig, wie stark diesmal der Wahlkampf gefühlsmäßig — um Symbole — gekämpft worden ist. Das war der Klarheit der Fragestellung nicht günstig. Denn es ging zwar um Republik und Monarchie, um den alten und den neuen Staat — aber es gibt auch schwarzweißrote Republikaner, oder doch schwarzweißrote Politiker, die nicht die Monarchie wiederherstellen wollen. Das republikanische Volksbewußtsein aber will Klarheit: Wer nicht für mich ist, der ist wider mich. Es macht keine feineren Unterschiede zwischen schwarzrotgoldenen Republikanern, schwarzweißroten Republikanern, schwarzweißroten Nichtmonarchisten und den richtigen, unbedingten Vertretern des alten Regimes. Und es hat im Grunde recht. In diesen großen Fragen des Staats (nicht bloß der Staatsform, sondern des Staatssinns!) muß Klarheit sein. Man kann nicht, wie die Deutsche Volkspartei, mit auswechselbaren Fundamenten arbeiten. Die Volksmassen stehen der Staatsform nun einmal nicht gleichgültig gegenüber, weil sie ihnen mehr bedeutet, als eine Form. Weil sie eine Idee ausdrückt. Die Republik wird geschichtlich lebendig. Ja, sie wird Inhalt der Ideologie der Massen, sie rückt an die Stelle des absterbenden Marxismus.
Die schwarzrotgoldene Bewegung ist der Durchbruch der Staatsidee in der Arbeiterschaft. Wenn man das doch sehen wollte! Es ist mit Händen zu greifen. Auch anderes lebt sich am Reichsbanner aus: die Sehnsucht unseres Volkes nach Haltung, Straffheit und Disziplin, nach all der Schlamperei und Auflösung. Aber das Wichtige ist dieses: die Erhebung aus dem Klassenkampf zum Staatsbewußtsein. Ein Abgrund politischen Unverstandes, in dem man dies nicht sieht, nicht verstehen und nicht danach handeln will. Aber es sieht ganz danach aus, als ob dieser Unverstand die politische Führung bekommen wird. Wen die Götter verderben wollen, den schlagen sie mit Blindheit. Doch das Verderben wird nicht die Schuldigen allein treffen. Das ist das Unglück.
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Man hat in diesem Wahlkampf viel mit der Wiederbelebung des Liberalismus gearbeitet. „Liberale Sammlung“. Ein merkwürdiges Schlagwort übrigens in einem Augenblick, in dem die Deutsche Volkspartei sich beim Grafen Westarp „sammelte“. In Erfurt wimmelten am 6. und 7. Dezember die Straßen von schwarzweißroten Fähnchen, auf denen stand: „Wählt Liste 2 oder 5!“ Es war also schon ganz egal, ob man deutschnational oder volksparteilich wählte. Das Schlagwort von der liberalen Sammlung wurde nur ausgegeben, um demokratischen Schlappmachern ein Asyl für Obdachlose zu eröffnen, in dem sie sich dann wohl vergeblich nach volksparteilichen Gesinnungsgenossen umgeschaut haben. Bis jetzt gibt der unter dem schwarzweißroten Tuch aufgebahrte Liberalismus noch keine Lebenszeichen wieder von sich, aus denen man schließen könnte, daß etwas da ist, was sich sammeln möchte.
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Der Kampf des schwarzweißroten mit dem schwarzrotgoldenen Deutschland ist sicher ein ernstes und schmerzliches Schauspiel. Gutes und Kräftiges, Ehrenwertes und Aufrechtes auf beiden Seiten, das sich finden müßte, steht da unversöhnlich gegeneinander. Und man sieht nicht, wie das ausgehen soll. Erdrücken läßt sich die schwarzrotgoldene Bewegung nicht zum drittenmal in der deutschen Geschichte. Sie muß siegen. Aber wann?
(Die Hilfe, 15.12.1924)