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Kulturkritik und volkswirtschaftliche Tatsachen

Der Anlaß zu diesem Aufsatz liegt etwas weit zurück, Es ist eine Anmerkung des „Kunstwart“ vom 1. April über „Modejammer und politische Reife“. An diese Notiz knüpfte sich eine Bemerkung der „Heimatchronik“, und an diese ein Briefwechsel mit dem Kunstwart, dessen Fazit ich in diesem Aufsatz ziehen möchte, in einem Aufsatz, weil der S a c h e, nicht unserer Meinungsverschiedenheit, eine gewisse allgemeinere Bedeutung zukommt.
Die „Anmerkung“ des Kunstwart enthält in ihren 2 2/3 Spalten zwei Angriffe: einen auf die Modeindustrie, einen auf die Frauenorganisationen.

Über die Mode im allgemeinen wird folgendes gesagt: „Das Scheusal Mode wird geistigeren Ansprüchen allezeit unzugänglich bleiben. Es kann wohl edle und vernünftige Kleidung, nie aber edle und vernünftige Mode geben. Jene wird stets Sache selbständiger und vorurteilsfreien Frauen bleiben, die Mode aber wird stets das Herdenglück der Hunderttausende bilden.“ Und weiter über die gegenwärtige Mode: „Man muß denen, die für die Mode verantwortlich sind, den Vorwurf machen, daß sie sich keinen Deut um die Gesamtlage und das Gesamtwohl gekümmert, sondern daß sie nur a n i h r e G e s c h ä f t e gedacht haben. Aus der Fratze dieser Mode bleckt uns der freche, kalte Mammonismus an, dem alles gleichgültig ist außer der Unternehmerkasse.“
Von der Frauenbewegung heißt es dann, daß man von Aufklärung und Protest aus ihren Reihen nichts gehört habe. (Durch einen seltsamen Zufall findet sich in derselben Nummer des „Kunstwart“ drei Seiten vorher eine Anmerkung über eine von „einem ernsthaften Frauenverein“ veranstaltete Versammlung, in der über die Mode gesprochen wird – hier wird aber nun wieder den Frauen aus der Überfüllung dieser Versammlung ein Strick gedreht.)
Zu dieser Verhandlung des Modeproblems, die übrigens auch im Leserkreis des „Kunstwart“ einigen Sturm erregt zu haben scheint, habe ich in der Heimatchronik (13. April) richtiggestellt daß tatsächlich Aufklärung und Proteste von der Frauenbewegung ausgegangen seien und hinzugefügt: „Allerdings hat man die Frage nicht nur als eine Angelegenheit der sittlichen Entrüstung, sondern als ein sehr schwieriges volkswirtschaftliches Problem angesehen, demgegenüber mit Worten wie „Mammonismus“ u. dgl. sehr wenig ausgerichtet ist.“
In meinem Schreibtisch liegt noch der Anfang eines Aufsatzes, den ich damals schreiben wollte und der denselben Titel tragen sollte wie jetzt dieser. Mir schien es so über die Maßen bedauerlich, daß eine Zeitschrift wie der „Kunstwart“ derartig oberflächlich über eine deutsche Industrie schreibt, die 700 000 Arbeiter beschäftigt, und derartig romantische Werturteile über die Mode – d.h. die notwendige Gleichförmigkeit des Massenverbrauchs in der Kleidung – abgibt. Ich habe diesen Aufsatz seinerzeit liegen lassen, weil ich dachte, man darf einen Aphorismus nicht in dieser Weise auf die Wagschale der volkswirtschaftlichen Gewissenhaftigkeit legen, er ist Temperamentsbestätigung und man muß ihm einleitende Zuspitzungen zugute halten. So ließ ich es bei der sehr duldsamen Randglosse in der Heimachronik bewenden.
Darauf kam nun vom „Kunstwart“ die folgende Berichtigung:
„Wir stellen fest, daß der „Kunstwart“, seit er überhaupt das Problem der Mode behandelt, und das ist seit vielen Jahren, neben der ästhetischen und hygienischen stets die volkswirtschaftliche Seite dieser Erscheinung betont hat. G e r a d e d e r a n g e g r i f f e n e B e i t r a g forderte, man sollte jetzt einmal absehen von dem Streit um Hygiene, Geschmack und Sittlichkeit in der Mode und sich ihrer v o l k s w i r t s c h a f t l i c h e n Bedeutung bewußt werden. Der angegriffene Beitrag verlangte p r a k t i s c h e A r b e i t der politischen Frauenbewegung in dieser volkswirtschaftlichen Angelegenheit.“
Der „Kunstwart“ wünscht also, daß man diese 2 2/3 Spalten umfassende Anmerkung als eine ernsthafte Erwägung der volkswirtschaftlichen Seite der Mode gelten läßt. Gut, dann muß sie diesem Anspruch entsprechend gewertet werden.
Vorausgeschickt sei, daß die stoffverschwenderischen Auswüchse der gegenwärtigen Mode selbstverständlich schärfste Ablehnung verdienen. Sie ist nicht nur an dieser Stelle, sondern viel stärker noch in den Frauenzeitschriften und durch Frauen in der Tagespresse, Versammlungen und Eingaben ausgesprochen, und zwar seit man im Herbst 1915 die kommende Richtung erkennen konnte. Es ist z.B. in einer Zuschrift an die Modezeitschriften die Bitte ausgesprochen, Modelle zu bringen, die der Stoffersparnis Rechnung trugen. Diese Eingabe hat ernsthafte Beachtung gefunden, ihr haben sich Konferenzen mit den Redaktionen angeschlossen in denen die technischen und wirtschaftlichen Fragen sehr eingehend besprochen wurden. Aber gerade diese ganz praktische Arbeit hat uns gezeigt, daß das Problem sehr viel schwieriger liegt – weil sich die volkswirtschaftliche Bedeutung der Modefrage durchaus nicht in ihrer Beziehung zum Rohstoffmangel erschöpft und die Modefragen nicht ausschließlich unter dem Gesichtspunkt des Rohstoffmangels behandelt werden können.
Wenn man an diese weiteren volkswirtschaftlichen Zusammenhänge denkt, muß man sich zunächst klar sein, was man unter „Mode“ versteht. Der „Kunstwart“ sagt: „ein Scheusal, aus dessen Fratze uns der freche, kalte Mammonismus anbleckt.“
Das ist ein Standpunkt, den verteidigen mag, wer sich das zutraut. Nur soll man das nicht eine „v o l k s w i r t s c h a f t l i c h e“ Betrachtung nennen. Die Mode ist die jeweilige Einheitsform der Kleidung. Ihre Einheitlichkeit ist zunächst ästhetisch begründet. Und zwar subjektiv darin, da nicht alle, die Kleider tragen oder herstellen, selbst imstande sind, ihre Form zu erfinden, sondern das an wenigen Stellen Erfundene nachahmen. Objektiv darin, daß Millionen von kunterbunten willkürlichen „Eigenkleidern“ nicht schön waren, so wenig wie eine Straßenflucht von 50 schrankenlos individuellen Häusern schön wäre. Da die menschliche Gesellschaft nicht eine Summe unzusammenhängender Insulaner, sondern eine Gemeinschaft ist, gibt sie dieser ihre Zusammengehörigkeit auch dem ästhetischen Ausdruck. Aber die Mode hat auch ihre wirtschaftliche Notwendigkeit in den großindustriellen Herstellungsformen. Romantische Ästheten mögen bedauern, daß dieselbe Jacke tausendmal hergestellt wird, sie werden es aber mit diesem Bedauern nicht möglich machen, daß jedem von einem 70-Millionenvolk seine individuelle Jacke werde. Um Massen zu bekleiden, brauchen wir die Massenherstellung, und für diese die einheitlichen Muster.
Diese Muster bestimmte bisher Frankreich. Wenn man in dem Grade wie der Kunstwart die Mode für vollkommen hoffnungslos hält, so ist im Grunde gleichgültig, ob der Tempel dieses Scheusals auch ferner in Paris steht. Im Gegenteil: halten wir doch unseren Boden rein davon. Lassen wie bei uns die „selbständigen und vorurteilsfreien“ Frauen sich ihre „edle und vernünftige Kleidung“ schaffen, und die anderen „herdenglücklich“ weiter Paris huldigen.

Wiederum: dieser launige Pessimismus hat vielleicht seine Reize, v o l k s w i r t s c h a f t l i c h ist er jedenfalls unbrauchbar. Denn volkswirtschaftlich ist es ziemlich gleichgültig, ob ein paar einzelne Vorurteilsfeie durch edle und vernünftige Kleider erfreuen, volkswirtschaftlich kommt es auf die Masse an, das heißt: auf die Hebung der deutschen Modeindustrie. Das deutsche Bekleidungsgewerbe (ohne Textilindustrie) beschäftigt etwas 700 000 Arbeiter und Arbeiterinnen, darunter einen höheren Prozentsatz gelernter als irgendeine andere der großen Berufsgruppen. Es ist das aussichtsvollste Qualitätsgewerbe. Das deutsche Bekleidungsgewerbe exportiert für 1 ½ Milliarden Mark. Seine Blüte beruht zu einem großen Teil auf der Versorgung des Weltmarkts, und jede qualitative oder quantitative (vor allem natürlich das erste) Eroberung draußen ermöglicht Hunderten oder Tausenden von deutschen Männern und Frauen den Aufstieg von geringerer zu besserer Arbeit. Wir müssen wünschen, daß diese Industrie steigt, daß ihr Ansehen draußen wächst, ihre Erzeugnisse Raum gewinnen.
Diese Tatsachen werden in bedauerlicher, ja in unverantwortlicher Weise verwischt durch eine Betrachtungsweise, die, im Hinblick auf den Unternehmergewinn, den Kampf um den wirtschaftlichen Erfolg als „frechen, kalten Mammonismus“ brandmarkt. Wenn man so urteilt, dann ist die deutsche Überflügelung der englischen Roheisen- und Stahlerzeugung oder der Kampf gegen die amerikanischen Maschinen auch Mammonismus. Man soll vorsichtig mit solchen Brandmarkungen sein, um so mehr, als das volkswirtschaftlich unerzogene Publikum schon an sich dazu neigt, kleinbürgerlichen Neidgefühlen einen zu starken Einfluß auf sein Urteil über solche Dinge zu gestatten.
In der Frage „Mode und Rohstoffmangel“ liegt nun die Sache so, daß die volle Unterwerfung der Mode unter die Rücksicht auf den Rohstoffmangel es der deutschen Modeindustrie unmöglich machen würde, die gegenwärtige Lage für ihre Weltmarktgeltung auszunutzen. Der Krieg, der für manche Länder die Verbindung mit Paris erschwert, bietet der Konkurrenz deutscher Modelle gute Aussichten. Aus dieser Lage der Dinge sind mitten im Krieg neue Anstrengungen des deutschen Modegewerbes hervorgegangen. Der Dürerbund selbst hat eine Kriegsflugschrift von Bosselt über „Krieg und deutsche Mode“ erscheinen lassen. Nun, die von der Bosseltschen Lehranstalt veranstaltet Modeausstellung stand k e i n e s w e g s unter dem Gesichtspunkt der Stoffersparnis. Im Gegenteil, Und ganz mit Recht, Denn mit einer ausschließlich durch unsere augenblicklichen Schwierigkeiten diktierten Mode kann man keine Eroberungen machen, während Paris gleichzeitig in Stoffentfaltung schwelgt. Unsere Lage fordert die Lösung der Aufgabe, mit möglichst geringem Stoffverbrauch doch dem Stil der Weltmode nahezukommen. Das ist verwerflicher Opportunismus? Ich finde nicht, denn erstens: daß die Röcke weiter werden als 1914, kann ästhetisch und hygienisch nur begrüßt werden; zweitens: der deutsche Einfluß auf die Mode kann nicht im Durchsetzenwollen des absolut Abweichenden gesucht werden, sondern in maß- und geschmackvoller Arbeit in der Richtung der gegebenen Entwicklung; drittens: die enge, sparsam a u s s e h e n d e Kleidung verbrauchte tatsächlich nicht weniger Stoff als eine mit Maßen geweitete.
Und nun noch einmal zurück zu den Frauen. Als zu Anfang April der Kunstwart sich über den „Modejammer“ verbreitete, konnte er noch gar nicht wissen, ob die Frauen im ganzen die Sommermode in ihren Übertreibungen annehmen oder ablehnen würden, denn es waten noch gar keine Sommerkleider auf der Straße erscheinen Jetzt wird man gerechterweise sagen müssen, daß Übertreibungen (trotzdem die Anschaffungen zum großen Teil vor dem Einsetzen behördlicher Beschränkungen geschahen) durchaus die Ausnahme geblieben sind. Ich habe im Frühjahr eine ganze Reiche von Städten der „führenden Eleganz“ gesehen und muß sagen, daß außer einem kleinen Teil von Frauen, die sich niemals beeinflussen lassen, das Bild ein durchaus angemessenes war.
Also auch nachdieser Richtung scheint es mir nicht berechtigt, Feuer und Schwefel regnen zu lassen.
Es würde sich nicht lohnen, über diese ganze Meinungsverschiedenheit so ausführlich zu werden, wenn nicht dabei Licht auf die Gefahren einer gewissen Art von Kulturkritik fiele. Es ist so sehr leicht, in solche Kritik radikal zu sein Man braucht starke oder launige Worte, und jeder liest es gern. Im Grunde ist das aber eine Förderung der Gedankenlosigkeit. Ich habe in der von der Frauenbewegung eingeleiteten Aufklärungsarbeit persönlich in nicht ganz wenigen Versammlungen über das Modethema gesprochen, mir aber doch jedesmal die Frage vorgelegt, ob es richtig ist, die Massen der Frauen jetzt zum Boykott von Erzeugnissen zu fanatisieren, die nun einmal hergestellt sind. Rohstoffersparnis bedeutet es natürlich nicht, wenn die fertigen Dine liegenleiben und umgearbeitet werden müssen Für die Lehre, die durch eine solche Ablehnung den „Modemachern“ erteilt wird, wäre ich in Friedenszeiten durchaus zu haben. Jetzt käme sie uns wohl etwas teuer zu stehen. Der einzige Weg war, die Entstehung der Modelle zu beeinflussen; dazu war bisher die Möglichkeit für die Frauen sehr gering. Das kann besser werden, aber nicht von heute auf morgen, sondern durch die Organisationen, die in Berlin, Frankfurt oder Wien – vom Kunstwart ironisch behandelt – sich um deutsche Weltmode bemühen.
Für den deutschen Wirtschaftskampf nach dem Kriege können wir die Gesinnung nicht brauchen, die das Ringen um den wirtschaftlichen Erfolg als „Mammonismus“ brandmarkt, und auch den anspruchsvollen Pessimismus nicht, der die ästhetische Hebung der Massenware für unmöglich und hoffungslos erklärt und die Hunderttausende geringschätzig ihrem „Herdenglück“ überlassen will. Der Kunstwart hat auch sonst diese Haltung nicht eingenommen. Es wundert mich deshalb, daß er uns zwingen will, eine Notiz volkswirtschaftliche ernst zu nehmen, die – abgesehen von ihrer Ungerechtigkeit gegen Modeindustrie und Frauenorganisation – geeignet ist, Verwirrung über seine eigenen Bestrebungen zu stiften.

Die Hilfe, 20.07.1916

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