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	<title>Gertrud Bäumer - Politikerin und Schriftstellerin (1873-1954)</title>
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		<title>Kaleidoskop des Wahlkampfs</title>
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		<pubDate>Mon, 05 May 2008 09:53:41 +0000</pubDate>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Demokraten hatten überall die vollsten Versammlungen. Warum? Ich glaube, weil sie den politisch regsamsten Teil der Bevölkerung repräsentieren. Die Versammlungen der Deutschen Volkspartei waren vielfach leer. Als wir in Eisenach den großen Fürstenhofsaal mit den Galerien am Abend vor der Wahl mit 2000 Leuten gefüllt hatten, sprach der zweite Kandidat der Deutschen Volkspartei in einem gleichfalls nicht kleinen Saal vor 35 Besuchern und beinahe ebenso vielen Schutzleuten. Darum zeigt die Wahl nachher natürlich noch nicht das gleiche Zahlenverhältnis. Bei den Rechtsparteien sind viel mehr Leute als bei uns, die haben gar nicht das Bedürfnis nach politischer Aufklärung, die wählen eben blind rechts, um das zu wissen, brauchen sie keine Versammlungen mehr. Zum Überfluß haben sie noch ihre Presse. Zu uns kommen die wirklich politischen Menschen, auch aus den anderen Lagern, und überdies sind unsere Leute mehr auf uns angewiesen, weil sie vielfach eben keine Presse haben.</p>
<p><a name="more"></a>Neben dem Kampf der Parteien wurde noch ein anderer Kampf ausgefochten: zwischen Politikern, Spießbürgern und Romantikern. Das Ringen der Demokratischen Partei um das Bürgertum ist zumeist der Kampf zwischen Politik und Spießbürgerei. Die eigentlich Aufgabe war, den Spießbürger überhaupt zu einer politischen Stellungnahme und Auffassung zu nötigen. Der Spießbürgerinstinkt als politischer Faktor geht auf Verteidigung der Klasse — wirtschaftlich, gesellschaftlich, kulturell; daher der Zauber des Bürgerblockgedankens. Für den Spießbürger, der überhaupt noch nicht politisch geworden ist, ist dies das Natürliche. Da fühlt er sich hingehörig, zu seinesgleichen und noch lieber zu denen, die noch ein wenig höher stehen als er — gesellschaftlich betrachtet. Da ist er noch lieber. Der Liberalismus verlangt von dem Bürger ein bißchen mehr: gelten lassen der anderen; die Demokratie verlangt noch viel mehr: bewußte Einordnung der eigenen Interessen in das Ganze, Relativieren der eigenen Interessen, Handeln aus den Zielsetzungen des Ganzen, zu dem die anderen auch gehören. Das ist dann um so schwerer, je weiter die Spanne zwischen diesen allgemeinen und den engeren eigenen Rücksichten zeitweise ist. In einem Staat, der um sein Dasein ringt, folglich Opfer von jedem verlangt, und in einer Zeit in der wirtschaftliche Schwierigkeiten so im Vordergrunde stehen, ist diese Spannung weit. Und darum ist es heute sehr schwer, eine andere als Klassenpolitik im Bürgertum durchzusetzen. Und doch ist es notwendiger als je, daß ein größerer Teil des Bürgertums sich zu staatsmännischer Führung erhebt, nicht nur zur Durchsetzung von Klasseninteressen mit allen Mitteln des politischen und wirtschaftlichen Machtkampfes.</p>
<p>* * *</p>
<p>Die Gefahr, daß die gesamte deutsche Politik wieder durch den Klassenkampf gestempelt wird, ist riesengroß. Wer es nicht fühlt, hat kein Volksverständnis. Das Traurige, daß gerade die Bildungsschicht es nicht fühlt, im Gegenteil, mit Genugtuung, Pharisäertum und unerschütterter Selbstzufriedenheit in die Klassenherrschaft hineinsegelt. &#8222;Herr, ich danke dir, daß ich nicht bin wie andere Leute, Sozialdemokraten, Kommunisten, aber auch wie dieser Demokrat!&#8220; Denn uns hassen sie natürlich am meisten, weil wir ihre Klasseninstinkte nicht für Patriotismus nehmen wollen, wofür sie sie gern verkaufen möchten und vielleicht sogar selbst halten. Da steckte der bitterste &#8222;Komplex&#8220; dieses Wahlkampfes, wir waren die Abtrünnigen, die Unsolidarischen, die Verräter an den &#8222;bürgerlichen Idealen!&#8220;</p>
<p>* * *</p>
<p>Auf der anderen Seite setzt schon jetzt ein Arbeiterelend ein, das notwendig zur Radikalisierung führen muß, wenn nicht alle Mächte dagegen aufgeboten werden. Im Kohlengebiet von Ostthüringen fahren jetzt die Bergarbeiter zwei Zwölfstundenschichten bei elenden Löhnen. Ein Drittel der Arbeiter wurde entlassen, als man von den drei Achtstundenschichten zu den zwei Zwölfstundenschichten überging, und nun traut sich niemand, einen Lohnkampf zu führen. Die Knappschaftskasse zahlt keine Familienhilfe, und die Tuberkulosefürsorgerin steht vollkommen ohnmächtig der Not und Krankheit gegenüber. Aber die Wahlaufrufe des deutschnationalen Unternehmertums prahlen: &#8222;Hier Christentum und gesunde Wirtschaft — dort (bei den Leuten, die Zwölfstundenschichten für 19 Mark Wochenlohn machen) Unglaube und wirtschaftliche Ruinen.&#8220; Wenn eine Volkssolidarität jemals notwendig war, ist sie’s für den kommenden Daseinskampf, und wer nicht mit allen Kräften versucht, sie gerade den leidenden Volksschichten — das ist heute die Arbeiterschaft —, nahezubringen, ganz greifbar und verständlich, der begeht die nationale Sünde.</p>
<p>* * *</p>
<p>Das volksverständliche Symbol für den Staat der Volksgemeinschaft ist aber heute das schwarzrotgoldene Banner. Es ist beinahe merkwürdig, wie stark diesmal der Wahlkampf gefühlsmäßig — um Symbole — gekämpft worden ist. Das war der Klarheit der Fragestellung nicht günstig. Denn es ging zwar um Republik und Monarchie, um den alten und den neuen Staat — aber es gibt auch schwarzweißrote Republikaner, oder doch schwarzweißrote Politiker, die nicht die Monarchie wiederherstellen wollen. Das republikanische Volksbewußtsein aber will Klarheit: Wer nicht für mich ist, der ist wider mich. Es macht keine feineren Unterschiede zwischen schwarzrotgoldenen Republikanern, schwarzweißroten Republikanern, schwarzweißroten Nichtmonarchisten und den richtigen, unbedingten Vertretern des alten Regimes. Und es hat im Grunde recht. In diesen großen Fragen des Staats (nicht bloß der Staatsform, sondern des Staatssinns!) muß Klarheit sein. Man kann nicht, wie die Deutsche Volkspartei, mit auswechselbaren Fundamenten arbeiten. Die Volksmassen stehen der Staatsform nun einmal nicht gleichgültig gegenüber, weil sie ihnen mehr bedeutet, als eine Form. Weil sie eine Idee ausdrückt. Die Republik wird geschichtlich lebendig. Ja, sie wird Inhalt der Ideologie der Massen, sie rückt an die Stelle des absterbenden Marxismus.</p>
<p>Die schwarzrotgoldene Bewegung ist der Durchbruch der Staatsidee in der Arbeiterschaft. Wenn man das doch sehen wollte! Es ist mit Händen zu greifen. Auch anderes lebt sich am Reichsbanner aus: die Sehnsucht unseres Volkes nach Haltung, Straffheit und Disziplin, nach all der Schlamperei und Auflösung. Aber das Wichtige ist dieses: die Erhebung aus dem Klassenkampf zum Staatsbewußtsein. Ein Abgrund politischen Unverstandes, in dem man dies nicht sieht, nicht verstehen und nicht danach handeln will. Aber es sieht ganz danach aus, als ob dieser Unverstand die politische Führung bekommen wird. Wen die Götter verderben wollen, den schlagen sie mit Blindheit. Doch das Verderben wird nicht die Schuldigen allein treffen. Das ist das Unglück.</p>
<p>* * *</p>
<p>Man hat in diesem Wahlkampf viel mit der Wiederbelebung des Liberalismus gearbeitet. &#8222;Liberale Sammlung&#8220;. Ein merkwürdiges Schlagwort übrigens in einem Augenblick, in dem die Deutsche Volkspartei sich beim Grafen Westarp &#8222;sammelte&#8220;. In Erfurt wimmelten am 6. und 7. Dezember die Straßen von schwarzweißroten Fähnchen, auf denen stand: &#8222;Wählt Liste 2 oder 5!&#8220; Es war also schon ganz egal, ob man deutschnational oder volksparteilich wählte. Das Schlagwort von der liberalen Sammlung wurde nur ausgegeben, um demokratischen Schlappmachern ein Asyl für Obdachlose zu eröffnen, in dem sie sich dann wohl vergeblich nach volksparteilichen Gesinnungsgenossen umgeschaut haben. Bis jetzt gibt der unter dem schwarzweißroten Tuch aufgebahrte Liberalismus noch keine Lebenszeichen wieder von sich, aus denen man schließen könnte, daß etwas da ist, was sich sammeln möchte.</p>
<p>* * *</p>
<p>Der Kampf des schwarzweißroten mit dem schwarzrotgoldenen Deutschland ist sicher ein ernstes und schmerzliches Schauspiel. Gutes und Kräftiges, Ehrenwertes und Aufrechtes auf beiden Seiten, das sich finden müßte, steht da unversöhnlich gegeneinander. Und man sieht nicht, wie das ausgehen soll. Erdrücken läßt sich die schwarzrotgoldene Bewegung nicht zum drittenmal in der deutschen Geschichte. Sie muß siegen. Aber wann?</p>
<p>(Die Hilfe, 15.12.1924)</p>
<br /><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/categories/gertrudbaeumer.wordpress.com/9/" /> <img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/tags/gertrudbaeumer.wordpress.com/9/" /> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/gertrudbaeumer.wordpress.com/9/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/gertrudbaeumer.wordpress.com/9/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godelicious/gertrudbaeumer.wordpress.com/9/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/delicious/gertrudbaeumer.wordpress.com/9/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gofacebook/gertrudbaeumer.wordpress.com/9/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/facebook/gertrudbaeumer.wordpress.com/9/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gotwitter/gertrudbaeumer.wordpress.com/9/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/twitter/gertrudbaeumer.wordpress.com/9/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gostumble/gertrudbaeumer.wordpress.com/9/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/stumble/gertrudbaeumer.wordpress.com/9/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godigg/gertrudbaeumer.wordpress.com/9/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/digg/gertrudbaeumer.wordpress.com/9/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/goreddit/gertrudbaeumer.wordpress.com/9/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/reddit/gertrudbaeumer.wordpress.com/9/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=gertrudbaeumer.wordpress.com&amp;blog=3649739&amp;post=9&amp;subd=gertrudbaeumer&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></content:encoded>
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		<title>Rasse und Staatsbürgertum</title>
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		<pubDate>Mon, 05 May 2008 09:44:36 +0000</pubDate>
		<dc:creator>gertrudbaeumer</dc:creator>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Es widerstrebt dem anständigen Staatsbürger, immer wieder selbstverständliche Dinge zu sagen. Und doch müssen sie gesagt werden, so lange es &#8222;dem bösen Nachbar&#8220; gefällt, dies Selbstverständliche anzufechten. Dabei handelt es sich angesichts der Form, in der die Rassenfrage neuerdings wieder in Deutschland behandelt wird, nicht um Notwendigkeiten sachlicher Diskussion, sondern lediglich um die Pflicht zum Protest. Die Rassenhetze ist noch immer Kennzeichen und Mittel politischer Verrohung gewesen. Es ist so furchtbar billig, jemanden nur deshalb zu mißachten, weil er anderer Art ist. Dann bedarf es weder der Mühe sachlicher Auseinandersetzung noch des Beweises der höheren Fähigkeiten und Leistungen. Der Dümmste und Minderwertigste kann sich diese Überheblichkeit auf Grund unverdienter und unbewiesener Vorzüge leisten. Der Mangel an Selbstkritik, mit dem oft gerade die vom Rassenstandpunkt (wenn schon!) anfechtbaren Exemplare arischen Blutes bei den Nationalsozialisten in dieser Überheblichkeit schwelgen, ist ja geradezu grotesk. Ist einer der vielen Beweise für das Niveau, auf das heute das deutsche öffentliche Lebens gesunken ist – in die halbbarbarische Atmosphäre einer kleinbürgerlichen russischen Provinzstadt hinein, in der sich die widerliche und erbarmungswürdige Mischung von innerer Ödigkeit, kleinbürgerlichen Neidgift und Halbkultur in Pogromen entlädt. Daß auch in Deutschland jeder Maßstab für geistige und sittliche Qualitäten, aller Respekt für Leistungen, alle Schätzung für die Werte seelischer Verfeinerung, vornehmer Familienkultur, verantwortungsbewußten Bürgertums, daß jedes Unterscheidungsvermögen zwischen Gut und Böse, Verdienst und Schädlichkeit in diesem Sumpf der Rassenwütigkeit versinkt, ist ein niederdrückendes Symptom.</p>
<p><a name="more"></a>Das Schlimme ist daß diese Welle der Gehässigkeit, in der ja hundert andere menschlich begreifliche Gefühle der Unzufriedenheit, Sorge, sozialen Gedrücktheit mitschwimmen, nicht im eigenen Bett bleibt, sondern die Beziehungen solcher Volksgenossen berührt, die diese Gefühle nicht kennen. Sie rückt einfache und natürliche menschliche Fragen in eine Empfindlichkeitssphäre hinein, die für jeden, der auf interkonfessionellem Boden mit jüdischen Mitbürgern arbeitet, oft genug ohne irgendeines Menschen Schuld hinderliche Spannungen schafft.<br />
Die Gründung der D e u t s c h e n S t a a t s p a r t e i, an der Kreise beteiligt sind, deren politische Anschauungen sehr stark an den Begriffen von Volkstum und Stammesart verankert sind, hat leider eine &#8222;Judenfrage&#8220; (es widerstrebt einem innerlich das Wort hinzuschreiben!) in der Partei aufgeworfen. Daß von außen her dabei Öl ins Feuer gegossen wird, gehört zu den Methoden des politischen Kampfes. Um so sachlicher sollte die Frage besprochen werden bei denen, die durch politische Gesinnungsverwandtschaft sich verbunden fühlen.<br />
Zu solcher Sachlichkeit hgehört die Unterscheidung von J u n g d e u t s c h e m O r d e n, V o l k s n a t i o n a l e r R e i c h s v e r e i n i g u n g und D e u t s c h e r S t a a t s p a r t e i. Der Jungdeutsche Orden hat einen Arierparagraphen in seiner Satzung. An sich ist das für einen &#8222;Orden&#8220; nicht weniger anstößig, wie wenn jüdische Logen oder Vereine nur jüdische Mitglieder aufnehmen*). Man mag das eine wie das andere ablehnen – es gibt genug Arier, die das erste und genug Juden, die das zweite für bedenklich und gefährlich halten. (Ich persönlich meine, daß in einer Zeit, in der der Antisemitismus so wüste Formen angenommen hat, die Betonung eines exklusiv arischen Bewußtseins immer die Gefahr mit sich bringt, daß man in eine üble Gesellschaft gerät.) Aber wenn ich mich auf die Ebene der gleichen Selbstachtung und der gleichen gegenseitigen Achtung beider Gruppen stelle, so kann ich in exklusiv arischen oder exklusiv jüdischen Bünden keine gegenseitige Kränkung sehen.<br />
Vorausgesetzt, daß solche Exklusivitäten nicht in die Politik getragen werden und p o l i t i s c h e Haltungen und Handlungen beeinflussen.<br />
Die D e u t s c h e S t a a t s p a r t e i vertritt in ihrem Aufruf die Gleichberechtigung aller Staatsbürger. Die Mitglieder des Jungdeutschen Ordens, die durch das Sieb der Volksnationalen Reichsvereinigung Mitglieder der Staatspartei geworden sind, haben schon in ihr die arische Exklusivität tatsächlich und grundsätzlich aufgeben müssen. Es ist wahrscheinlich, daß viele von ihnen damit eine Umstellung von Anschauungen haben vornehmen müssen, die in einem Orden mit einem Arierparagraphen ohne Zweifel sich bestärkt haben. Die an seinen jungdeutschen Kreis gerichteten Worte von M a h r a u n über die Frage des Antisemitismus lassen die Mentalität erkennen, mit der er sich nunmehr als politischer Führer bei seiner Gefolgschaft auseinanderzusetzen hat. Und es ist begreiflich, daß die große Zahl von Mitgliedern aus diesem exklusiv arischen Bund in der Deutschen Staatspartei unsere jüdischen Gesinnungsfreunde besorgt macht, ob nicht Antisemitismus in die Partei getragen wird. Andererseits aber sollten sie sich sagen, daß d i e g e m e i n s a m e A r b e i t i n e i n e r P a r t e i d o c h n i c h t n u r A u s d r u c k s t a a t s b ü r g e r l i c h e n Z u s a m m e n g e h ö r i g k e i t s w i l l e n s i s t, s o n d e r n d a r ü b e r h i n a u s d o c h a u ch m e n s c h l i c h-b ü r g e r l i c h e G e s i n n u n g s – u n d Ar b e i t s g e m e i n s c h a f t s c h a f f t. Wenn Menschen heute den Weg aus der Exklusivität des Ordens in die umfassende politische Gemeinschaft der Partei finden, so kann das doch denen gewiß nicht unwillkommen sein, denen die Absonderung schmerzlich war. Und im übrigen bürgt für die Gleichberechtigung jüdischer Mitbürger in der Staatspartei wohl die ihnen bekannte Haltung von Persönlichkeiten, die schon länger mit ihnen politisch gearbeitet haben.<br />
Darüber hinaus aber führt das Wesentlichste. Ist es sinnvoll, heute durch solche sachlich unbegründeten Besorgnisse jene große Notwendigkeit des Zusammenhaltens aller den Volksstaat stützenden Kräfte zu verdunkeln? Ist (auch angesichts der nationalsozialistischen Hetze, mit der ja die Jungdeutschen besonders den Kampf aufzunehmen haben) heute Zeit zur Überbetonung solcher Spannungen, wenn es doch um Sein oder Nichtsein der staatlichen Ordnung und wirtschaftlichen Existenz geht – eine Überbetonung, die ja doch wieder von der anderen Seite her die Rassenfrage in die Politik trägt?<br />
Gerade um sie aus unserer politischen Aufgabe auszuschalten, sollten diese Auseinandersetzungen von hüben und drüben jetzt abgeschlossen werden und das unbefangene Nebeneinander staatsnotwendiger politischer Arbeit beginnen!</p>
<p><em>*Wir vermögen den Gedankengängen der verehrten Verfasserin hierin nicht ganz zu folgen und werden darauf noch zurückkommen. Die Schriftleitung.</em></p>
<p>C.V.-Zeitung, Nr 32, 08.08.1930</p>
<br /><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/categories/gertrudbaeumer.wordpress.com/7/" /> <img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/tags/gertrudbaeumer.wordpress.com/7/" /> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/gertrudbaeumer.wordpress.com/7/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/gertrudbaeumer.wordpress.com/7/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godelicious/gertrudbaeumer.wordpress.com/7/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/delicious/gertrudbaeumer.wordpress.com/7/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gofacebook/gertrudbaeumer.wordpress.com/7/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/facebook/gertrudbaeumer.wordpress.com/7/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gotwitter/gertrudbaeumer.wordpress.com/7/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/twitter/gertrudbaeumer.wordpress.com/7/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gostumble/gertrudbaeumer.wordpress.com/7/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/stumble/gertrudbaeumer.wordpress.com/7/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godigg/gertrudbaeumer.wordpress.com/7/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/digg/gertrudbaeumer.wordpress.com/7/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/goreddit/gertrudbaeumer.wordpress.com/7/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/reddit/gertrudbaeumer.wordpress.com/7/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=gertrudbaeumer.wordpress.com&amp;blog=3649739&amp;post=7&amp;subd=gertrudbaeumer&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></content:encoded>
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		<title>Kulturkritik und volkswirtschaftliche Tatsachen</title>
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		<pubDate>Mon, 05 May 2008 09:39:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>gertrudbaeumer</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Der Anlaß zu diesem Aufsatz liegt etwas weit zurück, Es ist eine Anmerkung des „Kunstwart“ vom 1. April über „Modejammer und politische Reife“. An diese Notiz knüpfte sich eine Bemerkung der „Heimatchronik“, und an diese ein Briefwechsel mit dem Kunstwart, dessen Fazit ich in diesem Aufsatz ziehen möchte, in einem Aufsatz, weil der S a [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=gertrudbaeumer.wordpress.com&amp;blog=3649739&amp;post=6&amp;subd=gertrudbaeumer&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class="contentbody">Der Anlaß zu diesem Aufsatz liegt etwas weit zurück, Es  ist eine Anmerkung des „Kunstwart“ vom 1. April über „Modejammer und politische  Reife“. An diese Notiz knüpfte sich eine Bemerkung der „Heimatchronik“, und an  diese ein Briefwechsel mit dem Kunstwart, dessen Fazit ich in diesem Aufsatz  ziehen möchte, in einem Aufsatz, weil der S a c h e, nicht unserer  Meinungsverschiedenheit, eine gewisse allgemeinere Bedeutung zukommt.<br />
Die  „Anmerkung“ des Kunstwart enthält in ihren 2 2/3 Spalten zwei Angriffe: einen  auf die Modeindustrie, einen auf die Frauenorganisationen.</p>
<p><a name="more"></a>Über die Mode im allgemeinen wird folgendes gesagt: „Das Scheusal  Mode wird geistigeren Ansprüchen allezeit unzugänglich bleiben. Es kann wohl  edle und vernünftige Kleidung, nie aber edle und vernünftige Mode geben. Jene  wird stets Sache selbständiger und vorurteilsfreien Frauen bleiben, die Mode  aber wird stets das Herdenglück der Hunderttausende bilden.“ Und weiter über die  gegenwärtige Mode: „Man muß denen, die für die Mode verantwortlich sind, den  Vorwurf machen, daß sie sich keinen Deut um die Gesamtlage und das Gesamtwohl  gekümmert, sondern daß sie nur a n i h r e G e s c h ä f t e gedacht haben. Aus  der Fratze dieser Mode bleckt uns der freche, kalte Mammonismus an, dem alles  gleichgültig ist außer der Unternehmerkasse.“<br />
Von der Frauenbewegung heißt es  dann, daß man von Aufklärung und Protest aus ihren Reihen nichts gehört habe.  (Durch einen seltsamen Zufall findet sich in derselben Nummer des „Kunstwart“  drei Seiten vorher eine Anmerkung über eine von „einem ernsthaften Frauenverein“  veranstaltete Versammlung, in der über die Mode gesprochen wird – hier wird aber  nun wieder den Frauen aus der Überfüllung dieser Versammlung ein Strick  gedreht.)<br />
Zu dieser Verhandlung des Modeproblems, die übrigens auch im  Leserkreis des „Kunstwart“ einigen Sturm erregt zu haben scheint, habe ich in  der Heimatchronik (13. April) richtiggestellt daß tatsächlich Aufklärung und  Proteste von der Frauenbewegung ausgegangen seien und hinzugefügt: „Allerdings  hat man die Frage nicht nur als eine Angelegenheit der sittlichen Entrüstung,  sondern als ein sehr schwieriges volkswirtschaftliches Problem angesehen,  demgegenüber mit Worten wie „Mammonismus“ u. dgl. sehr wenig ausgerichtet  ist.“<br />
In meinem Schreibtisch liegt noch der Anfang eines Aufsatzes, den ich  damals schreiben wollte und der denselben Titel tragen sollte wie jetzt dieser.  Mir schien es so über die Maßen bedauerlich, daß eine Zeitschrift wie der  „Kunstwart“ derartig oberflächlich über eine deutsche Industrie schreibt, die  700 000 Arbeiter beschäftigt, und derartig romantische Werturteile über die Mode  – d.h. die notwendige Gleichförmigkeit des Massenverbrauchs in der Kleidung –  abgibt. Ich habe diesen Aufsatz seinerzeit liegen lassen, weil ich dachte, man  darf einen Aphorismus nicht in dieser Weise auf die Wagschale der  volkswirtschaftlichen Gewissenhaftigkeit legen, er ist Temperamentsbestätigung  und man muß ihm einleitende Zuspitzungen zugute halten. So ließ ich es bei der  sehr duldsamen Randglosse in der Heimachronik bewenden.<br />
Darauf kam nun vom  „Kunstwart“ die folgende Berichtigung:<br />
„Wir stellen fest, daß der  „Kunstwart“, seit er überhaupt das Problem der Mode behandelt, und das ist seit  vielen Jahren, neben der ästhetischen und hygienischen stets die  volkswirtschaftliche Seite dieser Erscheinung betont hat. G e r a d e d e r a n  g e g r i f f e n e B e i t r a g forderte, man sollte jetzt einmal absehen von  dem Streit um Hygiene, Geschmack und Sittlichkeit in der Mode und sich ihrer v o  l k s w i r t s c h a f t l i c h e n Bedeutung bewußt werden. Der angegriffene  Beitrag verlangte p r a k t i s c h e A r b e i t der politischen Frauenbewegung  in dieser volkswirtschaftlichen Angelegenheit.“<br />
Der „Kunstwart“ wünscht also,  daß man diese 2 2/3 Spalten umfassende Anmerkung als eine ernsthafte Erwägung  der volkswirtschaftlichen Seite der Mode gelten läßt. Gut, dann muß sie diesem  Anspruch entsprechend gewertet werden.<br />
Vorausgeschickt sei, daß die  stoffverschwenderischen Auswüchse der gegenwärtigen Mode selbstverständlich  schärfste Ablehnung verdienen. Sie ist nicht nur an dieser Stelle, sondern viel  stärker noch in den Frauenzeitschriften und durch Frauen in der Tagespresse,  Versammlungen und Eingaben ausgesprochen, und zwar seit man im Herbst 1915 die  kommende Richtung erkennen konnte. Es ist z.B. in einer Zuschrift an die  Modezeitschriften die Bitte ausgesprochen, Modelle zu bringen, die der  Stoffersparnis Rechnung trugen. Diese Eingabe hat ernsthafte Beachtung gefunden,  ihr haben sich Konferenzen mit den Redaktionen angeschlossen in denen die  technischen und wirtschaftlichen Fragen sehr eingehend besprochen wurden. Aber  gerade diese ganz praktische Arbeit hat uns gezeigt, daß das Problem sehr viel  schwieriger liegt &#8211; weil sich die volkswirtschaftliche Bedeutung der Modefrage  durchaus nicht in ihrer Beziehung zum Rohstoffmangel erschöpft und die  Modefragen nicht ausschließlich unter dem Gesichtspunkt des Rohstoffmangels  behandelt werden können.<br />
Wenn man an diese weiteren volkswirtschaftlichen  Zusammenhänge denkt, muß man sich zunächst klar sein, was man unter „Mode“  versteht. Der „Kunstwart“ sagt: „ein Scheusal, aus dessen Fratze uns der freche,  kalte Mammonismus anbleckt.“<br />
Das ist ein Standpunkt, den verteidigen mag, wer  sich das zutraut. Nur soll man das nicht eine „v o l k s w i r t s c h a f t l i  c h e“ Betrachtung nennen. Die Mode ist die jeweilige Einheitsform der Kleidung.  Ihre Einheitlichkeit ist zunächst ästhetisch begründet. Und zwar subjektiv  darin, da nicht alle, die Kleider tragen oder herstellen, selbst imstande sind,  ihre Form zu erfinden, sondern das an wenigen Stellen Erfundene nachahmen.  Objektiv darin, daß Millionen von kunterbunten willkürlichen „Eigenkleidern“  nicht schön waren, so wenig wie eine Straßenflucht von 50 schrankenlos  individuellen Häusern schön wäre. Da die menschliche Gesellschaft nicht eine  Summe unzusammenhängender Insulaner, sondern eine Gemeinschaft ist, gibt sie  dieser ihre Zusammengehörigkeit auch dem ästhetischen Ausdruck. Aber die Mode  hat auch ihre wirtschaftliche Notwendigkeit in den großindustriellen  Herstellungsformen. Romantische Ästheten mögen bedauern, daß dieselbe Jacke  tausendmal hergestellt wird, sie werden es aber mit diesem Bedauern nicht  möglich machen, daß jedem von einem 70-Millionenvolk seine individuelle Jacke  werde. Um Massen zu bekleiden, brauchen wir die Massenherstellung, und für diese  die einheitlichen Muster.<br />
Diese Muster bestimmte bisher Frankreich. Wenn man  in dem Grade wie der Kunstwart die Mode für vollkommen hoffnungslos hält, so ist  im Grunde gleichgültig, ob der Tempel dieses Scheusals auch ferner in Paris  steht. Im Gegenteil: halten wir doch unseren Boden rein davon. Lassen wie bei  uns die „selbständigen und vorurteilsfreien“ Frauen sich ihre „edle und  vernünftige Kleidung“ schaffen, und die anderen „herdenglücklich“ weiter Paris  huldigen.</p>
<p>Wiederum: dieser launige Pessimismus hat vielleicht seine  Reize, v o l k s w i r t s c h a f t l i c h ist er jedenfalls unbrauchbar. Denn  volkswirtschaftlich ist es ziemlich gleichgültig, ob ein paar einzelne  Vorurteilsfeie durch edle und vernünftige Kleider erfreuen, volkswirtschaftlich  kommt es auf die Masse an, das heißt: auf die Hebung der deutschen  Modeindustrie. Das deutsche Bekleidungsgewerbe (ohne Textilindustrie)  beschäftigt etwas 700 000 Arbeiter und Arbeiterinnen, darunter einen höheren  Prozentsatz gelernter als irgendeine andere der großen Berufsgruppen. Es ist das  aussichtsvollste Qualitätsgewerbe. Das deutsche Bekleidungsgewerbe exportiert  für 1 ½ Milliarden Mark. Seine Blüte beruht zu einem großen Teil auf der  Versorgung des Weltmarkts, und jede qualitative oder quantitative (vor allem  natürlich das erste) Eroberung draußen ermöglicht Hunderten oder Tausenden von  deutschen Männern und Frauen den Aufstieg von geringerer zu besserer Arbeit. Wir  müssen wünschen, daß diese Industrie steigt, daß ihr Ansehen draußen wächst,  ihre Erzeugnisse Raum gewinnen.<br />
Diese Tatsachen werden in bedauerlicher, ja  in unverantwortlicher Weise verwischt durch eine Betrachtungsweise, die, im  Hinblick auf den Unternehmergewinn, den Kampf um den wirtschaftlichen Erfolg als  „frechen, kalten Mammonismus“ brandmarkt. Wenn man so urteilt, dann ist die  deutsche Überflügelung der englischen Roheisen- und Stahlerzeugung oder der  Kampf gegen die amerikanischen Maschinen auch Mammonismus. Man soll vorsichtig  mit solchen Brandmarkungen sein, um so mehr, als das volkswirtschaftlich  unerzogene Publikum schon an sich dazu neigt, kleinbürgerlichen Neidgefühlen  einen zu starken Einfluß auf sein Urteil über solche Dinge zu gestatten.<br />
In  der Frage „Mode und Rohstoffmangel“ liegt nun die Sache so, daß die volle  Unterwerfung der Mode unter die Rücksicht auf den Rohstoffmangel es der  deutschen Modeindustrie unmöglich machen würde, die gegenwärtige Lage für ihre  Weltmarktgeltung auszunutzen. Der Krieg, der für manche Länder die Verbindung  mit Paris erschwert, bietet der Konkurrenz deutscher Modelle gute Aussichten.  Aus dieser Lage der Dinge sind mitten im Krieg neue Anstrengungen des deutschen  Modegewerbes hervorgegangen. Der Dürerbund selbst hat eine Kriegsflugschrift von  Bosselt über „Krieg und deutsche Mode“ erscheinen lassen. Nun, die von der  Bosseltschen Lehranstalt veranstaltet Modeausstellung stand k e i n e s w e g s  unter dem Gesichtspunkt der Stoffersparnis. Im Gegenteil, Und ganz mit Recht,  Denn mit einer ausschließlich durch unsere augenblicklichen Schwierigkeiten  diktierten Mode kann man keine Eroberungen machen, während Paris gleichzeitig in  Stoffentfaltung schwelgt. Unsere Lage fordert die Lösung der Aufgabe, mit  möglichst geringem Stoffverbrauch doch dem Stil der Weltmode nahezukommen. Das  ist verwerflicher Opportunismus? Ich finde nicht, denn erstens: daß die Röcke  weiter werden als 1914, kann ästhetisch und hygienisch nur begrüßt werden;  zweitens: der deutsche Einfluß auf die Mode kann nicht im Durchsetzenwollen des  absolut Abweichenden gesucht werden, sondern in maß- und geschmackvoller Arbeit  in der Richtung der gegebenen Entwicklung; drittens: die enge, sparsam a u s s e  h e n d e Kleidung verbrauchte tatsächlich nicht weniger Stoff als eine mit  Maßen geweitete.<br />
Und nun noch einmal zurück zu den Frauen. Als zu Anfang  April der Kunstwart sich über den „Modejammer“ verbreitete, konnte er noch gar  nicht wissen, ob die Frauen im ganzen die Sommermode in ihren Übertreibungen  annehmen oder ablehnen würden, denn es waten noch gar keine Sommerkleider auf  der Straße erscheinen Jetzt wird man gerechterweise sagen müssen, daß  Übertreibungen (trotzdem die Anschaffungen zum großen Teil vor dem Einsetzen  behördlicher Beschränkungen geschahen) durchaus die Ausnahme geblieben sind. Ich  habe im Frühjahr eine ganze Reiche von Städten der „führenden Eleganz“ gesehen  und muß sagen, daß außer einem kleinen Teil von Frauen, die sich niemals  beeinflussen lassen, das Bild ein durchaus angemessenes war.<br />
Also auch  nachdieser Richtung scheint es mir nicht berechtigt, Feuer und Schwefel regnen  zu lassen.<br />
Es würde sich nicht lohnen, über diese ganze  Meinungsverschiedenheit so ausführlich zu werden, wenn nicht dabei Licht auf die  Gefahren einer gewissen Art von Kulturkritik fiele. Es ist so sehr leicht, in  solche Kritik radikal zu sein Man braucht starke oder launige Worte, und jeder  liest es gern. Im Grunde ist das aber eine Förderung der Gedankenlosigkeit. Ich  habe in der von der Frauenbewegung eingeleiteten Aufklärungsarbeit persönlich in  nicht ganz wenigen Versammlungen über das Modethema gesprochen, mir aber doch  jedesmal die Frage vorgelegt, ob es richtig ist, die Massen der Frauen jetzt zum  Boykott von Erzeugnissen zu fanatisieren, die nun einmal hergestellt sind.  Rohstoffersparnis bedeutet es natürlich nicht, wenn die fertigen Dine  liegenleiben und umgearbeitet werden müssen Für die Lehre, die durch eine solche  Ablehnung den „Modemachern“ erteilt wird, wäre ich in Friedenszeiten durchaus zu  haben. Jetzt käme sie uns wohl etwas teuer zu stehen. Der einzige Weg war, die  Entstehung der Modelle zu beeinflussen; dazu war bisher die Möglichkeit für die  Frauen sehr gering. Das kann besser werden, aber nicht von heute auf morgen,  sondern durch die Organisationen, die in Berlin, Frankfurt oder Wien – vom  Kunstwart ironisch behandelt – sich um deutsche Weltmode bemühen.<br />
Für den  deutschen Wirtschaftskampf nach dem Kriege können wir die Gesinnung nicht  brauchen, die das Ringen um den wirtschaftlichen Erfolg als „Mammonismus“  brandmarkt, und auch den anspruchsvollen Pessimismus nicht, der die ästhetische  Hebung der Massenware für unmöglich und hoffungslos erklärt und die  Hunderttausende geringschätzig ihrem „Herdenglück“ überlassen will. Der  Kunstwart hat auch sonst diese Haltung nicht eingenommen. Es wundert mich  deshalb, daß er uns zwingen will, eine Notiz volkswirtschaftliche ernst zu  nehmen, die &#8211; abgesehen von ihrer Ungerechtigkeit gegen Modeindustrie und  Frauenorganisation – geeignet ist, Verwirrung über seine eigenen Bestrebungen zu  stiften.</p>
<p>Die Hilfe, 20.07.1916
</p></div>
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		<pubDate>Mon, 05 May 2008 08:58:53 +0000</pubDate>
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